Jahresbericht 2023/2024

Wissen teilen bis in die Westbank
– das Curriculum-Projekt

Die Wissenschaftliche Abteilung im Zentrum ÜBERLEBEN verfolgt das Ziel, Therapieangebote durch ihre Forschungsarbeit zu begleiten und zu verbessern. Gleichzeitig ist es wichtig, dadurch gewonnenes Wissen mit anderen Fachkräften zu teilen. Aus diesem Anliegen heraus ist das Curriculum-Projekt entstanden, das seit 2013 durch MISEREOR gefördert wird. In der aktuellen Förderperiode (02/2023–01/2026) handelt es sich um eine Workshop-Reihe, in der über einen längeren Zeitraum hinweg Wissen zur kognitiven Verhaltenstherapie in Form einer Kurzausbildung an Fachkräfte aus Ostjerusalem und der Westbank vermittelt wird.

Sarah Maria Schade, unsere damalige Projektkoordinatorin aus der Wissenschaftlichen Abteilung, beantwortete uns im Gespräch einige Fragen zum Projekt.

Was genau passiert im Rahmen des Curriculum-Projekts? Welches Ziel verfolgt ihr damit?

„Das Curriculum-Projekt ist ein Teilprojekt von „Ilajnafsy“ und verfolgt das Ziel, die psychotherapeutische Versorgung in der MENA-Region zu verbessern und den Bedarf angemessener abzudecken. Das wollen wir unter anderem erreichen, indem wir Fachkräfte aus dem psychosozialen Bereich weiter ausbilden. Wir bieten ihnen dafür eine verkürzte Ausbildung in kognitiver Verhaltenstherapie an. Diese besteht aus insgesamt sieben Workshop- Durchgängen, die jeweils ca. zwei bis drei Tage dauern, sowie einer begleitenden regelmäßigen Supervision. In den letzten zehn Jahren wurde das Projekt hauptsächlich für Kolleg:innen in Ägypten durchgeführt, seit 2023 bilden wir Fachkräfte aus der Westbank weiter und werden dabei maßgeblich von der Partnerorganisation SCD (Sustainable Change for Development) mit Sitz in Nablus unterstützt.“

Aktuell nehmen 31 Fachpersonen am Curriculum-Projekt teil.

Wie und wo finden die Workshops statt?

„Ursprünglich war geplant, für die Workshop-Durchgänge nach Jericho zu fahren und sie dort durchzuführen, da hier eine gute Erreichbarkeit des Standortes für die Teilnehmenden, die aus der gesamten Westbank kommen, gegeben ist. Dann kam der 7. Oktober 2023 und wir mussten unsere Planung anpassen. Angesichts der politischen Lage waren Reisen und eine Durchführung der Trainings vor Ort schlichtweg nicht mehr möglich. Deswegen haben wir alles auf online umgestellt und führen nun die Workshops virtuell durch. Wir nutzen dabei verschiedene interaktive Tools, wie Quizze, Gruppenarbeiten und Rollenspiele in Breakout-Sessions, in denen die Teilnehmenden das Gelernte direkt anwenden können. Begleitet werden die Sitzungen von Sprach- und Kulturmittler:innen, die alles aus dem Englischen ins Arabische und zurück übersetzen. Abhängig vom Workshopthema führen wir die Workshops mit themenspezifisch erfahrenen Dozierenden durch.“

Viele der Teilnehmenden haben durch ihre Arbeit täglich Kontakt zu Menschen in äußerst prekären Lebenssituationen – das hat sich durch die aktuelle Lage in der Region nochmal verstärkt. Wie könnt ihr sie bei ihrer Arbeit unterstützen?

„In den Workshops zeigen wir Themen und Techniken, die sich als sinnvoll und anwendbar für die therapeutische Arbeit in der Region erwiesen haben bzw. als solche nachgefragt wurden. Es geht zum Beispiel um verschiedene Störungsbilder, und auch therapeutisch wichtige Themen wie Selbst und Fremdgefährdung. Begonnen haben wir allerdings ganz bewusst mit der Weiterbildungseinheit zu Ressourcenaktivierung. Ressourcenorientiertes Arbeiten ist ein relativ neuer Ansatz in der Verhaltenstherapie, in dem man sich insbesondere auf die Stärken und Potenziale der Patient:innen fokussiert. Man betrachtet den:die Patient:in als Individuum mit einer Reihe von Ressourcen, die in allen Schritten der Psychotherapie zum Tragen kommen können. Gleichzeitig geht es bei diesem Ansatz auch viel um Selbstfürsorge der Therapeut: innen und darum, dass auch sie Techniken erlernen, eigene Ressourcen bewusst einzuteilen. Neben der Wissensvermittlung ist es zentral, dass wir Fälle und Themen aus der Arbeit der Teilnehmenden einbeziehen und das Gelernte darauf anwenden. Darüber hinaus bieten wir regelmäßige Supervisionen als Raum der Reflexion und Unterstützung bei Herausforderungen an. Die Teilnehmenden haben unterschiedliche Hintergründe und sind zum Teil bereits gut ausgebildete psychosoziale Fachkräfte mit langjähriger Arbeitserfahrung, sodass auch der Austausch und die gegenseitige Unterstützung ein wichtiges Element der Weiterbildung sind.“

Das Projekt hat mittlerweile bereits in folgenden Regionen stattgefunden: Westbank mit Ostjerusalem und Ägypten.

Wie nimmst du den Austausch während der Workshops mit den Teilnehmenden wahr?

„Gibt es Besonderheiten in diesem interkulturellen Kontext? Auffällig ist, dass bestimmte in Deutschland – und dem globalen Norden – geltende Diagnosen, wie beispielsweise Posttraumatische Belastungsstörung, oft in diesem kulturellen Umfeld zu kurz greifen. Gerade weil die MENA-Region seit Jahrzehnten von Konflikten und dadurch kollektiven Traumatisierungen geprägt ist, sprechen wir hier von sehr komplexen Traumatisierungen, mit denen Betroffene zu kämpfen haben. In diesem Fall greift mitunter der Begriff der „Ongoing- Stress Disorder“ (Anhaltende Stressstörung) besser. Für alle Beteiligten ist es eine große Bereicherung, sich intensiv darüber auszutauschen und zu schauen, wie man Menschen mit traumaassoziierten Symptomen kontextspezifisch helfen kann. Auch wir lernen hier beständig aus den Erfahrungen unserer Teilnehmenden.“

Das Curriculum-Projekt ist ein Teilprojekt von „Ilajnafsy“. Ilajnafsy wird durch MISEREOR und das BMZ gefördert.

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März 2025